„Von Schokopudding und doppelten Geschichten - als Opa bei uns einzog“ Eine Mutter erzählt vom Zusammenleben mit ihrem demenzkranken Vater.

„Meine Kinder hatten nicht viel Zeit, um sich daran zu gewöhnen, dass ihr Opa nun bei uns wohnte. Oder dass die Lebensmittel im Kühlschrank auf einmal eine andere Ordnung hatten und der Jüngste nicht mehr an seinen wöchentlichen Schokopudding kam. Und doch war von vornherein klar: Alles würde gut. Irgendwie.

 

Mein Vater war nie jemand, der um Hilfe bat. Nicht weil er zu stolz gewesen wär - er wollte einfach niemanden belasten. So erzählte er zu Beginn auch niemandem, dass er Dinge vergaß und leugnete, dass er Hilfe brauchte. Bis er sich selbst eingestehen musste, dass es so nicht weiterging.

Meine Mutter war schon seit ein paar Jahren nicht mehr bei uns, und mein Vater wollte es nach ihrem Tod unbedingt allein schaffen. Als er nun vor ein paar Monaten seine Tasche in unser Gästezimmer stellte, das wir kurzerhand für ihn umgeräumt haben, konnte ich sehen, dass dies auch ihm nicht leicht fiel. Meine Kinder lieben ihren Opa, und er liebt sie. Umso weniger wollte er sicherlich, dass sie mit ansehen, wie er kränker und kränker wurde. Aber es ging nicht anders. Mein Dad hatte Demenz. Allein bleiben war keine Option, ein Pflegeheim auch nicht. Schließlich war er ansonsten auch ziemlich agil.

 

Unsere beiden Jungs reagierten mehr als vorbildlich. Mein Mann und ich versuchten so gut es ging, ihnen die Situation zu erklären und bemerkten, dass uns das Verständnis vielleicht sogar schwerer fiel als unseren Kindern. Der ältere unserer Jungs hatte ziemlich schnell raus, wie er worauf reagieren musste, unser Jüngster verstand nicht unbedingt alles. Als Opa ihm zum gefühlt tausendsten Mal die Geschichte von der jungen Frau mit dem Baby im Supermarkt erzählte - wir konnten sie alle wirklich schon mitsprechen - sah ihn unser Kleinster nur verdutzt an. „Opa, ich glaub, die Geschichte kenne ich schon.“ - für den Bruchteil einer Sekunde schien mein Vater nachdenklich - und fiel dann in lautes Gelächter, als er das fragende, schrägliegende Gesicht meines Sohnes sah, und der Kleine lachte mit. Seit mein Vater bei uns wohnt, ist alles anders, auch für die Kinder.

 

Mit den doppelten Geschichten und dem wirren Hin- und-Her-Gelaufe meines Dads kommen die beiden gut zurecht. Aber dass ihr Opa regelmäßig den Kühlschrank umräumte und der Schokopudding ständig ganz oben stand, fand besonders unser jüngster Sohn nicht so witzig. Dabei wollte Opa den Pudding garnicht, er wollte nur seine eigene Ordnung im Kühlschrank. 

Am Anfang hat der Kleine lauthals protestiert. Irgendwann ist er dann ins Bad gegangen, schleifte seinen Fusshocker, der sonst vor dem Waschbecken zum Zähneputzen stand, wortlos in die Küche, stellte ihn vor den offenen Kühlschrank und griff nach seinem Pudding. Er hat sich nie wieder über die Kühlschrankordnung beschwert.

 

Kurzum - meine Kinder kamen zurecht. Ich nicht so gut. Wenn ich meiner Familie auch sehr dankbar für den lockeren und emphatischen Umgang mit ihrem Opa war, war es doch immer noch mein Dad, der sich mehr und mehr verlor, und den wir mehr und mehr verloren. Besonders in der Anfangszeit reagierte ich auf Kleinigkeiten oftmals gereizter als gewollt - worauf ich nicht sehr stolz bin. Ich merkte, wie dies regelmäßig auch meine Kinder nervös machte und holte mir therapeutischen Rat. 

Ich sei ein Vorbild für meine Kinder, wurde mir gesagt, und dass sie sich an meinem Verhalten orientierten. Logisch. Aber das half mir nicht umzuschalten. Es war eine riesige emotionale Belastung, und eine ganz reale zeitliche Belastung hinzu. Denn je schlimmer die Demenz wurde, umso mehr Betreuung benötigte mein Vater, sodass ich irgendwann nur noch von zuhause aus arbeiten konnte. Aber da waren immer noch meine Kinder, mein Mann, die Arbeit, und ich selbst, die meine Zeit brauchten. Und ich merkte, wie die Belastung zu viel wurde. 

 

Mein Therapeut schlug mir letzten Endes vor, mich entlasten zu lassen. Durch jemanden, der mich mal zuhause ablöst, damit ich ein paar Dinge erledigen, und die Situation verarbeiten könnte. Nach einer kleinen Recherche fand ich die Nummer vom Notmütterdienst, der mir genau dies anbot. Und das war Gold wert. 

Es waren ein paar Stunden an drei Tagen in der Woche, an denen eine nette Frau zu uns nach Hause kam und sich liebevoll um meinen Dad kümmerte, sich mit ihm unterhielt, Mahlzeiten vorbereitete, und mir das Vorbild war, das ich meinen Kindern sein sollte. So half sie mir, meine eigene Gelassenheit wiederzufinden, und meinem Dad wieder ganzheitlich so entgegenzutreten wie er es verdiente. Natürlich bin ich auch jetzt nicht immer absolut gelassen - aber auf jeden Fall gelassener als vorher.“

 

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