„Den freien Platz in der Bahn lass ich mir ja noch gefallen - aber alles andere geht zu weit.“ Ein Gespräch in der U3.

„Verstehen Sie mich nicht falsch“, sagt sie zu mir, und ich denke ‚komische Art, ein Gespräch zu beginnen. „Ich weiß, dass es die Menschen nur gut meinen. Und den freien Platz lasse ich mir ja noch gefallen - aber der Rest geht zu weit…“ Ein Mann, selbst vielleicht um die fünfzig, stand auf, als die ältere Frau herein kam. Bei genauerer Betrachtung wirkt sie eigentlich gar nicht mehr so alt. Sie spricht mit fester Stimme. Aber ihre Falten erzählen mir, dass es vergangene Tage gab, Tage voller Leben, und es müssen viele gewesen sein. „Man ist so alt wie man sich fühlt…“, sagt sie, „…oder so alt wie einen die anderen einschätzen. Ich fühle mich wie fünfzig, aber in den Augen der anderen bin ich schätzungsweise achtzig. Wollen Sie wissen, wie alt ich wirklich bin?“ Ich glaube ich nicke. Ich bin überrollt von ihrer fließenden und erheiternden Rede und höre ihr gerne zu. Sie hätte es mir sowieso gesagt. „sechsundsechzig. Ich bin sechsundsechzig. Und ich fühle mich wie fünfzig. Nur sehe ich nicht so aus. Das weiß ich.“ Sie lacht. Sie lacht so herzhaft, dass ich einfach mitlachen muss. Es ist mir ein wenig unangenehm, denn ich möchte nicht, dass sie denkt, dass ich mich über sie lustig mache. Aber sie ist einfach so mitreißend. Daher kommen bestimmt die tiefen Falten in ihrem Gesicht. Ich stelle mir vor, wie sie wohl ausgesehen hat, als sie jung war. Vielleicht hat sie den gleichen roten Hut getragen, vielleicht mit einem frühlingshaften Kleid. Jetzt trägt sie eine modische enge Hose und dazu einen etwas weiteren Pulli. Ihren sehr schlanken Körper darunter kann man nur erahnen. 

 

„Ich komme gerade vom Markt. Und der Verkäufer hat so laut mit mir gesprochen, dass mir die Ohren klingeln. Und ich denke mir nur: Mag sein, dass ich älter aussehe, aber bitte behandelt mich doch nicht wie hundertfünfzig. Ihr Lieben, beruhigt euch. - Menschen reden lauter mit mir, schreien mich fast an, und laufen langsam wie Schnecken neben mir her. Ich muss echt alt aussehen.“ Ich sage ihr, dass er es sicher nur gut gemeint hat. Das weiß sie natürlich. Und ich weiß gar nicht, ob ich für den Mann auf dem Markt oder mich spreche. Ich fühle mich ertappt. Nicht, weil ich ihr auch meinen Sitz angeboten hätte - sie wirkt wirklich etwas zerbrechlich, jedoch nur aufgrund ihrer zierlichen Figur. Aber auch ich kann mich nicht davon frei machen, älteren Menschen, wenn sie denn alt aussehen, unbewusst noch mehr altersbedingte Zuschreibungen zuzuordnen. Rede ich auch automatisch lauter? Hat mir nicht letztens noch meine Tante gesagt ich solle nicht so neben ihr her schleichen - sonst habe ich doch auch so einen flotten Schritt? Auch ich hab es nur gut gemeint, Aber bin ich damit vielleicht jemandem auf die Füße getreten? Eigentlich hab ich in der Stadt immer das Gefühl, viele Menschen hätten zu wenig Respekt vor dem Alter. Aber vielleicht reagieren manche von uns, auch ich, dabei in die andere Richtung über. Ich glaube das ist so, weil wir das Alter nicht verstehen. Die Frau, die gerade noch neben mir saß, ist doppelt so alt wie ich. Langsam ist sie aber keinesfalls - ich sehe sie aus der U-Bahn steigen und strammen Schrittes die Treppe erklimmen. Schwerhörig war sie auch nicht. Ich glaube ich muss an mir arbeiten und nicht auf die erste Assoziation hören, die mir mit dem Alter kommt…Zeit, auch hier an meinen Vorurteilen zu arbeiten, Zeit, genauer hinzuschauen.

 

 

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