Manchmal hat man das Gefühl, die Jugend lebe nur so vor sich hin und mache nicht genug aus sich. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich mich ebenfalls dabei ertappt.“

 „Die letzten Jahre waren nicht leicht. Nach mehr als 40 Jahren glücklicher Ehe starb mein Mann vor drei Jahren, und ich fiel regelrecht in ein Loch. Allein wär ich da niemals rausgekommen.

Meine beiden Töchter waren echte Goldstücke in dieser Phase - wie auch sonst. Auch für sie war es eine schwere Zeit, aber gemeinsam erinnerten sie mich immer wieder daran, dass es noch viele andere gute Dinge gab, wie zum Beispiel meine Enkelkinder. Natürlich wusste ich, dass sie Recht hatten, aber es fiel mir schwer, dies auch für mich zu empfinden. Ich genoss die Zeit mit meiner Familie, aber ich hatte ohne meinen Mann das Gefühl, nicht mehr ich selbst zu sein. Ich glaub, mein Weg der Besserung fing an diesem Tag an, als ich meine Enkelin zu einem kleinen „Shoppingausflug“ abholte. Manchmal hat man das Gefühl, die Jugend lebe nur so vor sich hin und mache nicht genug aus sich. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich mich ebenfalls dabei ertappt.

 

„Was macht mich denn eigentlich glücklich?“

 

„Do more of what makes you happy.“ Im Zimmer meiner Enkelin hängt dieser Spruch. Schwarze Lettern auf weißem Untergrund. ‚Mach mehr von dem, das dich glücklich macht.‘ Mehr nicht. Und doch hat es für mich gereicht, um einiges zu überdenken.

 

Was macht mich denn eigentlich glücklich? Meine Familie, na klar. Aber was mache ich gern? Das Leben mit meinem Mann war eingespielt. Wir waren uns genug - etwas neues haben wir schon lange nicht mehr ausprobiert. Aber ist mein Leben deshalb sinnlos, nun, da ich allein bin? Vielleicht muss ich wirklich mehr von den Dingen tun, die mich glücklich machen.

 

„Natürlich kostete es anfangs Überwindung, ganz allein zu einem Kurs zu gehen“

 

Ich entschied, herauszufinden, was ich gern machen würde und probierte die verschiedensten Dinge aus. Aktiv, ohne dass mich jemand zu irgendetwas mitnahm oder mich meine Töchter überredeten. Und nach dieser Entscheidung war es eigentlich garnicht mehr so schwer. Ich genoss das Theater, holte mir ein kleines E-Piano, um meine alten Kenntnisse wieder aufzufrischen und ging sogar zum Seniorensport. Zeit hatte ich schließlich ohne Ende. Und nach der Entscheidung dafür, mehr aus eigenen Stücken zu machen, wurde das aktive Dasein zum Selbstläufer. 

Natürlich kostete es anfangs Überwindung, ganz allein zu einem Kurs zu gehen, bei dem ich niemanden kannte, anstatt mich in meiner gewohnten Umgebung nieder zu lassen. Aber nachdem ich mich ein paar Mal aufgerafft hatte, ging alles wie von selbst. Ich glaube, die letztendliche Überzeugung, das eigene Leben zu ändern, muss man in sich selbst finden. Und wenn man das nicht kann, kann man sich ja vielleicht Unterstützung holen.

 

„Die Zeit ist zu kostbar“

 

Meine Enkelin weiß sicher nicht, welche Wirkung dieses Bild in ihrem Zimmer auf mich hatte, und das ist auch in Ordnung. Aber letzte Woche kam sie zu mir, schaute mich an und sagte „Oma, du wirkst irgendwie so glücklich.“ - und sie hat Recht. Es hat lang gedauert, bis ich erkannt habe, dass es so nicht weitergehen kann. Aber eigentlich hat mir der Tod meines Mannes doch eines ganz gewiss vor Augen gehalten: Die Zeit ist zu kostbar, um sie einfach verstreichen zu lassen.“

 

 

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